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Tocotronic - Kapitulation

[ Veröffentlicht am 06.07.2007 ]

Künstler: Tocotronic
Label: Universal
Genre: Indie-Rock

Trackliste
CD1
#1 Mein Ruin
#2 Kapitulation
#3 Aus Meiner Festung
#4 Verschwör Dich Gegen Dich
#5 Wir Sind Viele
#6 Harmonie Ist Eine Strategie
#7 Imitationen
#8 Wehrlos
#9 Dein Geheimer Name
#10 Sag Alles Ab
#11 Luft
#12 Explosion

Dunkle Augen blicken resigniert ins Leere, ins Nichts. Darunter prangt in giftgrünen Großbuchstaben das gewichtige Wort "Kapitulation". Schon das Artwork zeigt deutlich die Marschrichtung des achten Studioalbums der Band Tocotronic. Um das Aufgeben, das Scheitern und die Hoffnungslosigkeit soll es gehen, eben darum, kapitulieren zu müssen. Das klingt nach Themen, die prädestiniert dazu sind, in Weinerlichkeit und Befindlichkeitsfixierung auszubrechen. Ob die Band sich dem hingegeben hat? Wir werden sehen.

"Mein Ruin" eröffnet das Album und der Titel scheint direkt eine Bankrotterklärung zu versprechen. Zu sägenden, verzerrten Gitarren und treibendem Schlagzeug erklärt Dirk von Lowtzow seinen Ruin. Dieser wird aber nicht beklagt, sondern zum Ideal erhoben: "Mein Ruin das ist mein Ziel, die Lieblingsrolle die ich spiel". Schon sind die vorhergehenden Bedenken hinweggewischt und man ist mittendrin in diesem Album. Der titelgebende Song bringt die Motive des Albums perfekt auf den Punkt: Mit zarter Stimme legt von Lowtzow die Kapitulation als Ausweg nahe und "Fuck it all" wird zum Mantra des Scheiterns aus Überzeugung. Beim Einsetzen des Chores keimt dann aber auch so viel Hoffnung und Aufbruchstimmung auf, dass man der Band endgültig in ihre verlockende Vision von der Kapitulation folgen möchte. Auch "Aus Meiner Festung" treibt die Thematik des Albums konsequent voran und bekommt gegen Ende durch die Chorstimmen zusätzliche musikalische und inhaltliche Tiefe.

"Verschwör Dich Gegen Dich" bietet eine der einprägsamsten Gitarrenmelodien des Albums und mit dem Titel selbst zugleich einen Slogan, den man sich auf die Oberschenkel tätowieren möchte, so schön und geheimnisvoll ist er. Apropos geheimnisvoll: In "Verschwör Dich Gegen Dich" nähern sich Tocotronic am deutlichsten dem abstrakten, märchenhaften Stil des Vorgängeralbums "Pure Vernunft Darf Niemals Siegen". Mit immer größer werdender Dringlichkeit in der Stimme werden Szenarien von verlorenen Landschaften und Plätzen, die von riesigen Sphinxen bewacht werden, dem Hörer offen gelegt. Die Instrumente wie Schellenkranz und Glockenspiel, die die im Hintergrund wabernden Gitarren teils fast übertönen, vertiefen die Atmosphäre des Songs noch zusätzlich. Ebenfalls besonders prägnant ist das als dritte Single ausgewählte "Imitationen". Die Imitation als Form der Selbstaufgabe, eine typisch tocotronisch um die Ecke gedachte Idee, die auch im dazugehörigen Video mit zahlreichen Spiegeln treffend auf den Punkt gebracht wurde. Mit "Wehrlos" folgt dann der ruhigste Song des Albums, die Instrumente halten sich dezent im Hintergrund und Dirk von Lowtzows Stimme klingt so zerbrechlich, wehrlos eben, dass man ihm jede einzelne Zeile glaubt.

"Sag Alles Ab" bricht musikalisch am deutlichsten aus dem Stil des Albums aus und schrammelt so ungeniert vor sich hin, als hätten die letzten Jahre der Entwicklung der Band nie stattgefunden. Was bleibt dann noch, nachdem man kapitulieren musste, sich in die Festung zurückzog und der Komplott gegen sich selbst geschmiedet wurde? Genau, man sprengt alles in die Luft! "Explosion" schließt das Album würdig ab, die immer lauter werdenden Instrumente kreieren eine intensive Spannung und man ist sicher, dass jeden Augenblick die Hölle losbricht. "Kannst du in den Wolken die Explosionen sehen?" JA! JA! JA!

Fazit:

Tocotronic gehen den mit den vorherigen Alben eingeschlagenen Weg weiter und bleiben eine der festen Größen des deutschen Indierock. Unter der Produktion von Moses Schneider ist ein grandioses Werk entstanden, das zwar keine so große Weiterentwicklung zeigt wie die vorhergegangenen Alben, aber dennoch auf ganzer Linie überzeugt. Selten wurde die Selbstaufgabe, das Scheitern so euphorisch schön gefeiert wie hier. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch „Kapitulation“, so dass man fast den Begriff Konzeptalbum bemühen möchte. Gleichzeitig werden aber wieder alle Hintertüren der Ambivalenz und ironischen Brechung so sperrangelweit aufgelassen, wie es neben Tocotronic nur wenige deutsche Bands vermögen. „Fuck it all” eben.

(Dominik Bruns)